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Ausgehend von der Prämisse, dass Kanada vor der tiefsten Krise seiner jüngeren Vergangenheit steht.

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hat die schockierende Gewalt anerkannt, von der die jüngste Vergangenheit Kanadas zeitweise geprägt war. In der kanadischen Gegenwart stellen Armut und Ungleichheit ein immer größeres Problem dar. Und unsere Bilanz, was den Klimawandel angeht, ist ein Verbrechen gegen die Zukunft der Menschheit.

All diese Fakten sind umso beschämender, da sie dramatisch von den Werten abweichen, die wir für uns in Anspruch nehmen: die Achtung der Rechte indigener Gemeinschaften, Internationalismus, Menschenrechte, Vielfalt und Umweltverantwortung.

Es ist möglich, diese Werte in Kanada auch tatsächlich zu leben.

Wir könnten in einem Land leben mit einer wahrhaft gerechten erneuerbaren Energieversorgung, mit leicht zugänglichen öffentlichen Verkehrsmitteln für alle, mit neuen Arbeitsplätzen und Chancen, die dazu beitragen, systematisch alle Ungleichheiten aufgrund der ethnischen Herkunft und des Geschlechts zu beseitigen. Die Fürsorge füreinander und für unseren Planeten könnten unsere wachstumsstärksten Wirtschaftsbereiche sein. Dank besserer Bezahlung und kürzeren Arbeitszeiten hätten viel mehr Menschen die Möglichkeit, genügend Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen und sich in ihrem Umfeld zu engagieren.

Wir wissen, dass uns für diesen Übergang nicht sehr viel Zeit bleibt. Aus der Klimawissenschaft geht klar hervor, dass wir noch in diesem Jahrzehnt entschlossen handeln müssen, um eine globale Erwärmung katastrophalen Ausmaßes zu verhindern.

Das heißt auch, dass uns kleine Schritte nicht mehr weiterbringen.

Vielmehr braucht es einen gewaltigen Satz nach vorne.

Und der beginnt mit der Achtung der angeborenen Rechte und Landrechte derjenigen Menschen, die dieses Land bereits seit Menschengedenken verwalten. Indigene Gemeinschaften stellen sich seit jeher industriellen Großprojekten in den Weg, um Flüsse, Küstenstreifen, Wälder und Ländereien zu beschützen. Wir können sie darin unterstützen und eine neue Beziehung zu diesen Gemeinschaften aufbauen, indem wir die Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker in vollem Umfang umsetzen.

In Anlehnung an die Verträge, welche die Rechtsgrundlage für das Bestehen dieses Landes darstellen und uns verpflichten, das Land zu teilen, „solange die Sonne scheint, das Gras wächst und die Flüsse fließen“, fordern wir Energiequellen, die überdauern und nicht endlich sind oder die Umwelt vergiften. Dank bahnbrechender technischer Fortschritte sind wir diesem Traum heute zum Greifen nahe. Neue Studien zeigen, dass innerhalb von 20 Jahren die gesamte Stromversorgung Kanadas auf erneuerbare Energiequellen umgestellt werden kann; bereits im Jahr 2050 könnten wir eine zu 100 % saubere Wirtschaft haben.

Wir fordern ein Umdenken – und zwar jetzt.

Es gibt keine Entschuldigung mehr für neue Infrastrukturprojekte, die das Extraktivismusmodell noch jahrzehntelang weiterführen. Die neue eiserne Regel für Energieprojekte muss lauten: Was man nicht vor der eigenen Haustür haben möchte, hat auch vor anderer Leute Haustür nichts zu suchen. Dies betrifft zum Beispiel Öl- und Gaspipelines; Fracking in New Brunswick, Quebec und British Columbia; mehr Tankschiffe vor unserer Küste; und Bergbauprojekte kanadischer Firmen auf der ganzen Welt.

Die Zeit ist reif für Energiedemokratie: Wir fordern nicht nur veränderte Energiequellen, sondern sind auch der Ansicht, dass diese neuen Energiesysteme soweit als möglich von den örtlichen Gemeinschaften selbst kontrolliert werden sollten.

Mit innovativen Eigentümerstrukturen können wir eine Alternative zu profitgierigen Privatunternehmen und bürokratielastigen staatlichen Betrieben schaffen: demokratisch geführte Einrichtungen, die einen existenzsichernden Lohn zahlen und dafür sorgen, dass die Erlöse im regionalen Wirtschaftskreislauf verbleiben. Und insbesondere indigene Gemeinschaften sollten öffentliche Unterstützung für ihre eigenen Projekte zur sauberen Energiegewinnung erhalten. So auch Gemeinden, die derzeit mit den schweren gesundheitlichen Folgen umweltverschmutzender Industrietätigkeiten leben müssen.

Strom, der auf diese Weise gewonnen wird, deckt nicht nur unsere Elektrizitätsbedürfnisse ab, sondern hilft auch bei der Umverteilung von Reichtum, stärkt die Demokratie und trägt dazu bei, die Wunden zu heilen, die Kanada seit seiner Gründung mit sich herumträgt.

Der neue Kurs einer umweltverträglichen Wirtschaft bringt noch viele weitere Möglichkeiten für solche positiven Nebeneffekte mit sich. Wir fordern ein umfassendes Programm zum Bau energieeffizienter Häuser und zur Sanierung des existierenden Wohnbestands, das als allererstes den Menschen und Gemeinschaften mit dem niedrigsten Einkommen zugutekommt und ihnen Ausbildungs- und andere Möglichkeiten zur langfristigen Armutsminderung bietet. Wir fordern Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie andere Ressourcen für Arbeiter*innen in kohlenstoffintensiven Wirtschaftszweigen, damit sie ohne Einschränkung Teil der klimafreundlichen Wirtschaft sein können. Dabei sollten die Arbeiter*innen auf demokratische Weise mit einbezogen werden. Mit erneuerbaren Energien betriebene Hochgeschwindigkeitszüge und erschwingliche öffentliche Verkehrsmittel können alle Menschen im ganzen Land miteinander verbinden – anstelle von noch mehr PKW, Pipelines und explodierenden Güterzügen, die gefährlich sind und eine entzweiende Wirkung haben.

Und da wir mit diesem Satz nach vorne etwas spät dran sind, müssen wir auch in unsere alte öffentliche Infrastruktur investieren, damit sie extremen Wetterereignissen standhält.

Ein landwirtschaftliches System, das viel stärker örtlich und ökologisch ausgerichtet ist, würde unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen verringern, Kohlenstoff im Boden binden und unerwartete Schocks in der globalen Versorgung abfedern – und gleichzeitig gesündere und erschwinglichere Nahrungsmittel für alle bereitstellen.

Wir fordern ein Ende aller Handelsabkommen, die uns Steine in den Weg legen bei dem Versuch, lokale Wirtschaftskreisläufe wiederzubeleben, Konzerne zu regulieren und schädliche extraktive Projekte zu stoppen. Um die Waage der Gerechtigkeit wieder ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir dafür sorgen, dass alle Arbeiter*innen Einwandererstatus und umfassende Absicherung erhalten. In Anerkennung der Rolle, die Kanada in militärischen Konflikten und beim Fortschreiten des Klimawandels – beides wichtige Ursachen für die weltweite Flüchtlingskrise – spielt, müssen wir Flüchtlinge und Migrant*innen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem besseren Leben sind, willkommen heißen.

Der Übergang zu einer Wirtschaft, die im Einklang mit den begrenzten Ressourcen der Erde steht, bedeutet auch den Ausbau der Wirtschaftsbereiche, die bereits kohlenstoffarm sind: Pflege, Lehrarbeit, Sozialarbeit, Kunst und öffentliche Medien. Es wird höchste Zeit für ein nationales Kinderbetreuungsprogramm nach dem Vorbild von Quebec. Die Arbeit in all diesen Branchen, die zu einem großen Teil von Frauen verrichtet wird, ist der Kern jeder menschenwürdigen, widerstandsfähigen Gesellschaft – und es ist wichtig, dass unsere Gesellschaft angesichts der turbulenten Zukunft, die uns bereits bevorsteht, so widerstandsfähig wie möglich ist.

Da weite Teile der Betreuungsarbeit – ob im Bereich Mensch oder Natur – derzeit unbezahlt verrichtet werden, rufen wir zu einer intensiven Diskussion über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens auf. Ein solches Sicherungsnetz, wie es in den 1970er-Jahren erstmals in Manitoba erprobt wurde, könnte dazu beitragen, dass niemand eine Arbeit annehmen muss, welche die Zukunft der eigenen Kinder gefährdet, nur um eben diese Kinder in der Gegenwart zu ernähren.

Wir erklären „Austerität“ zu einem überholten und lebensbedrohlichen Konzept.

Wir erklären „Austerität“ – die Sparpolitik, mit der kohlenstoffarme Branchen wie Bildung und Gesundheitsfürsorge sowie das öffentliche Verkehrswesen systematisch ausgehöhlt werden, während gleichzeitig unverantwortliche Privatisierungen im Energiebereich forciert werden – zu einem überholten und lebensbedrohlichen Konzept.

Die finanziellen Mittel für diesen grundlegenden Kurswechsel sind vorhanden – es braucht lediglich die richtigen politischen Maßnahmen, um sie freizusetzen. Wie das Beenden der Subventionierung fossiler Brennstoffe. Finanztransaktionssteuern. Höhere Förderabgaben auf Ressourcen. Höhere Ertragssteuern für Konzerne und wohlhabende Einzelpersonen. Eine progressive Kohlenstoffsteuer. Senkung der Militärausgaben. All diese Maßnahmen basieren schlicht auf dem Verursacherprinzip und können unglaublich viel bewirken.

Eines ist klar: Knappe öffentliche Mittel in Zeiten beispielloser Mengen an Privatvermögen sind Zeichen einer konstruierten Krise, die ganz konkret darauf abzielt, alle Träume bereits im Keim zu ersticken.

Diese Träume sind größer als dieses Dokument. Wir rufen zu Gemeindeversammlungen im ganzen Land auf, bei denen sich Anwohner*innen demokratisch versammeln und definieren, welche Art von Satz nach vorne ihre eigene örtliche Wirtschaft benötigt.

Dieses Wiederaufblühen basisdemokratischer Entscheidungsfindung wird unausweichlich auf jeder Regierungsebene zu mehr Demokratie führen und zu einem System beitragen, in dem jede Stimme zählt und Unternehmenskapital keinen Platz mehr in der Politik hat.

Wir haben eine große Aufgabe zu bewältigen, doch die aktuelle Situation erfordert nun einmal genau das.

Dank des Ölpreiseinbruchs wurde dem Ehrgeiz, fossile Brennstoffe so schnell abzubauen, wie es die Risikotechnologien erlauben, vorübergehend der Wind aus den Segeln genommen. Diese Unterbrechung des frenetischen Expansionskurses sollte nicht als Krise, sondern als Geschenk betrachtet werden.

Als ein seltener Augenblick, der uns die Möglichkeit gibt, in den Spiegel zu sehen – und uns für eine Veränderung zu entscheiden.

Daher appellieren wir an alle, die ein politisches Amt anstreben, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen und sich zu der Notwendigkeit eines tiefgreifenden Wandels zu bekennen. Dies ist unsere erklärte Pflicht gegenüber all denjenigen, denen unser Land in der Vergangenheit Schaden zugefügt hat; gegenüber all denjenigen, die gegenwärtig unnötiges Leid ertragen müssen; und gegenüber all denjenigen, die ein Recht auf eine sichere und aussichtsreiche Zukunft haben.

Es ist Zeit für couragiertes Handeln.

Es ist Zeit für einen Satz nach vorne.